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Ausscherend | Ausstellungseröffnung

28. April 2017 @ 19:00 - 22:00

Ausscherend

Peter Dobroschke und Harriet Groß

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Die Ausstellung „Ausscherend“ bringt neue Arbeiten der Berliner Künstler Harriet Groß und Peter Dobroschke in einen offenen Dialog miteinander. Beide arbeiten installativ, ihre Themen und Umsetzungen sind jedoch sehr verschieden. Gemeinsam ist ihnen eine ähnliche Sensibilität für Material sowie die Vorliebe für langsame und einfache Low-Tech-Verfahren. Ausscheren bedeutet zunächst eine etablierte Formation wie eine Linie, Gruppe oder eine vergebene Spur zu verlassen, oder auch nur vom Fahrradweg auszuscheren, um zu Axel Obiger zu gelangen. Es ist immer eine seitliche Bewegung, quer zum üblichen Momentum — also eigentlich etwas, was in diesen Zeiten wichtiger denn je sein könnte. Als Wortspiel vermag der Titel aber auch die Aufmerksamkeit auf einen konkreten, für beide wesentlichen Arbeitsschritt zu lenken, das Schneiden.
Ein bedeutender Teil von Harriet Groß’ Arbeit sind filigrane, weit verästelte „Zeichnungen“, die sie präzise aus Papier oder Metallfolie ausschneidet. Diesem konzentrierten Prozess stehen die schnellen raumgreifenden Zeichnungen entgegen, die sie mit Tape und Schnüren direkt auf Wände, Decken und Boden aufträgt oder quer durch den Raum hängt. In den letzten Jahren entwickelt sie vermehrt Installationen aus heterogenen Materialien, die ihren gedanklichen Ausgang bei aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen nehmen. Sie verwebt ihre Metall- oder Papier Cutouts mit herkömmlichen Materialien wie Schnüren, Tape, Holzstangen, Jalousien oder Glasobjekten zu komplexen Raumzeichnungen, die wie ihre Scherenschnitte zahlreiche Durch- und Einblicke ermöglichen. Nur in dem man sich selbst bewegt und ständig die Perspektive wechselt, lassen sich diese Installationen erfassen. Aufgrund der überbordenden Komplexität, mit der die Elemente sich je nach Blickwinkel überlagern, ineinander übergehen und so Grenzen verfließen lassen, kann man sie in ihrer Gesamtheit allerdings nie vollständig durchdringen.
Menschen begeben sich auf den Weg, verändern ihre Räume. Auf ihre Spuren hat sich Groß’ für die neuen Arbeiten in der Ausstellung „Alluvio“ und „Echo“ begeben.
Sie weicht dazu von ihrer herkömmlichen Praxis ab, geht in gewisser Weise umgekehrt vor, und erzeugt Zwischenräume nicht durch Wegschneiden, sondern sie setzt Materialien zusammen, um den Raum zwischen den Dingen zu akzentuieren. Sie konstruiert die Raumcollagen und Erinnerungsräume aus Fundstücken und Überresten ihrer Cut-outs, die mit der Zeit in ihrem Atelier angeschwemmt wurden. Reste von Spiegelfolie, das Plastiknetz einer Stuhlrückwand, Gummischnüre, die Rückseite eines Verbotsschildes, eine Schrankabdeckung, ein Glasobjekt — alles Dinge, die irgendwie übriggeblieben sind, und zum Teil auf der Straße aufgelesen wurden. Die Materialien haben nicht nur eine formal ästhetische Qualität; sie sind und bleiben in Groß’ Installationen Objekte, die ein Eigenleben haben und Assoziationen und tiefergehende Bedeutungen zu transportieren vermögen. Bei den neuen Arbeiten zieht die Künstlerin mit den Objekten Linien zwischen privaten Erinnerungen wie Gedanken und der allgegenwärtigen medialen Informations- und Bilderflut. Es sind Fragen nach Annäherung, nach Verortung, nach Ankommen und nach Durchlässigkeit, die in ihren Installationen vom Unterwegssein anklingen.
Peter Dobroschke durchschneidet häufig Papiere und Abbildungen oder stellt sie frei, um sie in seine konzeptuellen Installationen einzusetzen, die als Vexier- und Kippbilder die einfache Wahrnehmung und Lesbarkeit der Dinge verdrehen. Seine neuen Installationen und Fotoobjekte konfrontieren uns mit Wahrnehmungsirritationen, Skurrilitäten und logischen Unmöglichkeiten, die auf allgemeine, nicht auflösbare Widersprüche hindeuten und die Grenzen rationalistischen Denkens und Handelns markieren. Was ist Kunst machen und was ist das Kunstwerk; was bedeutet es sich als Künstler in der Welt zu bewegen und jeden Tag etwas Sinnhaftes zu erzeugen? Dies sind einige der einfachen und zugleich schwierigen Fragen, die seiner Arbeit zugrundeliegen.
Seine Installationen sind zumeist trockene, lakonische Umsetzungen von Ideen oder Wortspielen, die die Absurdität und Komik der Dinge freisetzt. Wie etwa die Installation „Optical Cocktail“, die ganz wörtlich und mit einfachsten Mitteln die Worte „fern“ und „Glas“ in eine verschachtelte visuelle Illusionsmaschine übersetzt und dreidimensionale Bilder eines Fernglases sowie eines weit entfernten Glases erzeugt. Bei der Videoarbeit „Drehzahl meiner Beweggründe“ korrespondiert die mühsame Herstellung der Arbeit im antiquierten Bild-für-Bild-Animationsverfahren zu den gezeigten sisyphoshaften Handlungen des Künstlers in seinem Atelier. Dobroschke hat seine nach Morgengymnastik anmutende Bewegung des in der Luft Fahrradfahrens in neun Einzelbildern aufgezeichnet. Die Fotos wurden in die Speichen eines Fahrrades montiert, das Fahrrad bei einer Kreisfahrt im Atelierhof erneut abfotografiert und diese Fotografien schließlich zu einem Film animiert. Im Film wechselt der Künstler zwischen Antreibendem und Getriebenen, verbleibt bei all der angestrengten Bewegung aber in einem geschlossenen Kreislauf.
Die Frage nach dem halbvollen bzw. -leeren Glas ist so banal wie tiefgründig. Für „Realistenlimo“ hat Dobroschke die Fotografie eines halbgefüllten Glases genau entlang des Wasserspiegels eingeschnitten. Zwei, durch den Schnitt in entgegengesetzter Richtung eingeschobene Strohhalme verschränken abgebildetes und reales Objekt inhaltlich miteinander, was in unserem Kopf ein konstantes Springen zwischen den beiden Wahrnehmungsmöglichkeiten erzeugt. Das einfache wie taktile Kippbild führt eindrücklich vor, dass es unmöglich ist zu einer eindeutigen Wahrnehmung zu kommen. Angesichts dieser Unklarheit erscheint jegliches Streben, eine klare Haltung zur Welt zu entwickeln, so irrwitzig und tragisch.

Claudia Sorhage

Details

Datum:
28. April 2017
Zeit:
19:00 - 22:00

Veranstaltungsort

Axel Obiger
Brunnenstraße 29
Berlin, Berlin 10119 Deutschland
+ Google Karte
Website:
www.axelobiger.net

Veranstalter

Axel Obiger
Website:
www.axelobiger.net